Artikel aus der Zeitschrift TOUR 8/2002


FERIENLAGER

Brägel macht erstmals Familienurlaub - und schafft's trotzdem, dass es ist wie im Trainingslager

Urlaub ist die schönste Zeit des Jahres - sagt man. Das könnte natürlich auch für den guten Brägel gelten, der in diesem Sommer zum ersten Mal mit Familie in den Süden fahren will. Doch das Elend beginnt schon, als er partout nicht die zwei Fahrräder und das Reisebett für Jan-Miguel in sein Cabrio quetschen kann. Also mietet er einen Van, packt die Räder aufs Dach - und verliert schon an der ersten Autobahn-Mautstelle einen Sattel, weil er durch eine Zahlspur rumpelt, die nur für eine Fahrzeughöhe von 2,50 Meter freigegeben ist. Schließlich kommen sie aber doch noch gut an und beziehen ihr gebuchtes Ferienhäuschen in Südfrankreich. Beim Ausladen fällt Viola aber der Schlüssel für den Radträger in einen Gully, und Brägel muss die Velos vom Autodach sägen. Danach hätte es eigentlich ein schöner Urlaub werden können. Brägel will allerdings die 14 Tage nutzen, um seine teigige Gestalt in Form zu bringen. Schon am ersten Morgen springt er um sieben Uhr aus dem Bett, reißt die Vorhänge auf und brüllt: "Die Sonne scheint!" Jan-Miguel kreischt vor Schreck, Viola ist stinkig. Brägel lässt sich nicht beirren. Macht Frühgymnastik und asiatische Atemübungen mitten im Wohnzimmer, was für seine Familie nicht so lustig ist, weil ihm bei seinen Bauchmuskelübungen lautstark Darmwinde entfahren. Danach ölt sich Brägel die Beine, quetscht sich ins Crédit-Agricole-Trikot, fährt 600 Meter zum Bäcker und ordert dort "tra Krason" woraufhin ihm der wortlos ein ßaguette aushändigt. Nach dem Frühstück besteht Brägel auf einer Familienausfahrt. Jan-Miguel will zwar lieber am Strand spielen, Viola auf den Markt nach St. Tropez, aber Brägel bleibt beinhart und montiert den Kinderanhänger an Violas Rad, weil die Halte-rung nicht an das Sattelrohr seines Boliden passt. Vom Meer weg geht es gleich einen kurzen, knackigen Stich mit 14 Prozent hinauf. "Und hopp, Rhythmus halten, allez, allez", feuert Brägel Viola an, die pumpt wie ein Maikäfer, als sie oben ankommt. Aber Brägel drängt zur sofortigen Weiterfahrt, weil sonst die periphere Durchblutung nachlasse; und schließlich wolle sie doch auch 'nen knackigen Hintern haben, oder? Viola denkt erstmals an vorzeitige Heimfahrt. Nach gut zwei Kilometern quengelt dann Jan-Miguel: "Eis haben". Brägel stoppt ganz generös an einem Stand, ordert "ein Erdbeereis" und kommt mit einem Schinken-Käse-Baguette zurück. Jan-Miguel schreit. Viola sagt gar nichts.

Eine halbe Stunde später rollt das Trio in den Hafen von St. Tropez. Viola will über den Markt schlendern was Brägel entrüstet ablehnt, weil "der Franzose sofort die Räder klaut". Zum Trost erlaubt er eine Rast im Hafencafe. Brägel ölt sich die Waden nach, ordert "zwei Expresso und einen Sprudel" und bekommt zwei Bier, eine Cola und eine Rechnung über 13 Euro. Als Viola einen Happen essen will, drängt er zur Weiterfahrt. "Zurück machen wir aber ein bisschen Tempo", nölt er, "und einen kleinen Schlenker durchs Hinterland, sonst bringt das nix." Viola entgegnet schwach, dass sie Urlaub habe und eigentlich lieber am Strand liegen würde, er "kleine Schlenker" ist 32 Kilometer lang. Brägel doziert über die Schönheiten der Provence, Viola denkt bereits über eine Trennung auf Probe nach. Im Örtchen Ramatuelle entdeckt Brägel einen Laden für Terra-cotta-Töpfe. "Sind die nicht wunderbar", jault er und kauft trotz Violas Protest ("die gibt es auch bei OBI") ein mittelgroßes Exemplar für 72 Euro, das er zu Jan-Miguel in den Anhänger stopft. Zum Glück geht es zurück bergab. Brägel lässt es laufen, seine Gattin bremst sich wegen des Anhängers die Gummis flüssig. Kurz vorm Ziel geht es dann noch einmal leicht bergauf. Brägel tritt an und brüllt: "Schau mal her, Süße, so geht das: kleiner Gang, hohe Frequenz." Viola denkt an Scheidung. Im Ferienhaus wird addiert. 42 Kilometer, 18er Schnitt. "Zu wenig", motzt Brägel, "morgen muss mehr kommen, wir haben schließlich nur 14 Tage". "Rad ist doof, quengelt Jan-Miguel. Brägels Gattin nickt entschieden und erklärt dem Lapp kurz und bündig, dass er künftig alleine radelt oder sich zum Teufel scheren kann. Brägel protestiert pro forma ein bisschen, ist in Wahrheit aber sehr zufrieden. Endlich kann er fahren, bis die Reifen rauchen. Wäre er gleich alleine losgedonnert, hätte es Arger gegeben. Jetzt hat er den Freibrief für ungestörtes Training. Am Strand liegen mag er eh nicht - rundherum nur braun gebrannte Waschbrettbäuche. Da fährt er seine Wampe lieber spazieren. Brägel mimt den Einsichtigen, entschuldigt sich sogar und lädt die Familie ins Restaurant ein. "Deux Loups de Mer, un menu enfant et une bouteille de vin rose, s'il vous plaît", sagt Brägel. Es kommen der Fisch, Pommes Frites für Jan-Miguel und der Wein. Und es war der Beginn eines wunderbaren Urlaubs.

Jürgen Löhle