Artikel aus der Zeitschrift TOUR 2/2001


TIERVERSUCH

Brägels Form ist ernsthaft in Gefahr. Denn als frisch gebackener Hundebesitzer muss er kostbare Trainingsstunden mit Gassi gehen verbringen.

Brägel hat zu Weihnachten von seinem neuen Herzilein in einem Anfall von Wahnsinn einen Dertutnix bekommen. Der Dertutnix hat ein schwarzweißes Fell, rotblonde Beinbehaarung und einen Gesichtsausdruck, der wildfremde Menschen auf der Straße spitze Schreie ("goooooooldig") ausstoßen lässt. An Heiligabend hatte Dertutnix die Größe eines Zwergkaninchens und kackte dreimal hinter die Wohnzimmertür, so dass sich beim unbedachten Öffnen derselben ein langer brauner Streifen über Brägels sanftbeigen Teppich zog. In den Tagen nach Weihnachten kotzte Dertutnix auch ab und zu und wedelte dabei mit dem Schwanz. Einmal ist Brägel nachts barfuß in ein frisches Häufchen getreten, und zwar so mittig, dass es ihm die Kacke zwischen den Zehen durchgedrückt hat. Das fanden wir im Radclub alle sehr, sehr lustig. Mittlerweile kackt Dertutnix kaum noch hinter die Tür, frisst dafür aber gerne Schuhe oder jagt erfolglos die Katzen in der Nachbarschaft. Kotzen tut er nur noch, wenn er zuvor zwei Paar Stiefel zernagt hat. Mit dem Schwanz wedelt er dabei nur noch sehr selten.

Seit Weihnachten ist Dertutnix tapfer gewachsen. Er wiegt jetzt knapp 45 Kilo, ist so groß wie 29 Zwergkaninchen und nennt sich laut internationalem Hundebuch "Bernese Mountain Dog", zu deutsch: Berner Sennenhund. In sechs Monaten wird Dertutnix 60 Kilo wiegen und etwa zwei Kilo blutschlieriges Lungengewebe oder stinkigen Pansen am Tag verdrücken, danach ein Bäuerchen machen und sich mit einem lauten Stoßseufzer auf Brägels weiße Ledercouch fläzen. Bevor er sanft einschläft, schaut er noch einmal herzallerliebst von unten nach oben und lässt ein Windlein streichen. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich selbst einen Dertutnix habe.

Brägel will natürlich unbedingt, dass sein Dertutnix ein radfahrkompatibler Hund wird und übt deshalb seit Wochen fleißig. Dazu fährt er mit dem Velo zigmal an Dertutnix vorbei, den er vorher mit einem energischen "PLATZ" aufs Trottoir gesetzt hat. Dertutnix macht PLATZ, schaut mit raushängender Zunge und schief gelegtem Kopf interessiert seinem vorbeiradelnden Herrchen nach, ist zufrieden und Brägel hellauf begeistert. "Braaaaaav, Dertutnix, ganz braaaaav", juchzt Brägel, bremst 100 Meter entfernt und haut sich vor lauter Glück auf die Schenkel. "Braaaaaav, daaaaa komm her." Dertutnix rast schwanzwedelnd heran, dann herzen sich die beiden und es gibt ein Leckerli in der Größe eines Zwergkaninchens. Natürlich für den Hund.

Am nächsten Sonntag Bewährungsprobe. Wir gehen Gassi, Dertutnix ohne Leine, ein Mountainbiker nähert sich. "PLATZ", bellt Brägel. Derrutnix setzt sich hin. Als der Radler vorbei ist, sagt Brägel begeistert: "Braaaaav, ganz braaaaaver Hund." Dertutnix versteht, wuchtet sich hoch und rast dem Radler nach. "Keine Angst, der tut nix", brüllt Brägel, aber Dertutnix ist schon neben dem ahnungslosen Biker. Und weil der nicht sofort anhalten, spielen und ein Leckerli rausrücken will, hält ihn Dertutnix ein wenig verärgert an der Wade fest. Den Rest kann man sich denken.

Wir haben dem armen Mann zum Abschied eine neue Radhose, eine Abendesseneinladung beim Haubenkoch, Blumen für die Gattin und natürlich auch einen neuen Lenker versprochen. Dertutnix wurde verbal zusammengefaltet ("böööööser Hund") und saß ein wenig bedröppelt daneben, weil er sich obendrein auch noch leicht an der Pfote verletzt hat, als der Mountainbiker auf ihn stürzte. Brägel war an diesem Abend ein wenig deprimiert, aber es ist eben auch ein ganz schwieriges Thema mit den lieben Tierchen. Radler mit Hund werden irgendwann schizophren, was in Brägels Fall besonders bitter ist, da er eh schon nicht alle Tassen im Schrank hat.

Aber es ist auch wirklich eine verzwickte Geschichte. Wenn ich selbst im Sattel sitze, werde ich subito zum leidenschaftlichen Hundehasser. Wie gehen mir die Zeitgenossen auf den Geist, die mit ihren Kläfftölen durch die Wälder ziehen, die Leine um den Hals, ins Gespräch mit Nachbar Müller vertieft und ohne jedes Auge auf ihren Mistköter, der dann Jagd auf dich macht. Diese Hunde tun natürlich alle nix sagen ihre Halter. Das stimmt aber nur in den seltensten Fällen, also ziehe ich solchen Tölen normalerweise sofort eins mit der Luftpumpe über. Wenn ich rechtzeitig aus den Pedalen komme, gibt es auch noch einen gezielten Tritt auf die Nase und danach einen Vortrag an den Besitzer, der viele Wörter enthält, die man seinen Kindern zu Hause energisch und mit gutem Grund verbietet.

Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, wechsle ich sofort das Lager. Dann hasse ich alle Radler, die von hinten kommen, knapp an dir vorbeirasen, ohne vorher auch nur ein ganz kleines bisschen auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Mein Hund, der im übrigen garantiert nix tut, erschrickt sich dann zu Tode und fängt an zu bellen, was für manche im Sattel schon des Guten zu viel ist. Meistens brüllen die unhöflichen Rambos dann etwas wie: "Kampfhunde an die Leine", wobei ich denen dann am liebsten mit der Luftpumpe einen Scheitel ziehen würde, aber die habe ich beim Spaziergang leider nicht dabei.

Brägel will noch nicht aufgeben. Er hat sich und den Hund in einer Welpengruppe angemeldet und wird danach Mitglied im Hundesportverein. Auf dem Rad trainieren tut er allerdings nur noch selten, weil Gassi gehen zu Fuß unproblematischer ist. Neulich hat er mir Dertutnix die Übungseinheit "Rad fahren mit angeleintem Hund" geübt. Das ging auch eine Zeit lang gut, bis Dertutnix einen Hasen im Stoppelfeld gesehen hat. Brägel flog so schnell durch die Luft, dass es ihm nicht einmal zu einem "PFUI" gereicht hat. Jetzt hat er den linken Arm in der Schlinge und viel Zeit zum Gassi gehen. Übrigens alleine, also nur mit Hund. Die neue Flamme hat Dertutnix zwar gekauft, wollte ihn aber wegen seines heftigen Wachstums und dem schrecklich stinkenden Pansen schon Mitte Januar in ein Tierheim geben. Das hat Brägel abgelehnt, worauf die Flamme ziemlich abrupt erlosch. In diesem Fall halten wir vom Radclub aber ausnahmsweise alle zu Brägel. So ein Hund ist schließlich auch nur ein Mensch.

Jürgen Löhle