Artikel aus TOUR 9/2000


Der Trittmaster

Brägel entdeckt die wirre Welt des Internets und radelt lieber virtuell als auf der Straße. Das hat Folgen

Das ganze Elend hatte damit begonnen, dass Brägel sein zitronengelbes Cabrio ausgemustert und sich einen Computer mit allen Schikanen gekauft hat. In erster Linie natürlich, um seiner neuen Flamme zu gefallen, die Rennrad fahren für die Freizeitbeschäftigung krankhaft geltungssüchtiger Machos hält und Cabrioten leiden kann wie Bauchweh. Zum anderen, weil er unbedingt die 8.000-Punkte-Marke im Moorhuhnschießen schaffen wollte und die Trainingszeit im Büro begrenzt war. Aus meiner Sicht war diese Entwicklung natürlich zu begrüßen, denn seit acht Wochen hämmere Brägel nur noch in die Tasten, lässt die Maus klicken und trainiert mangels Zeit und wegen der neuen Flamme viel zu wenig. Seine Januarform ist jedenfalls völlig rutsch, und neulich, bei der RTF über 90 Kilometer, ist er nach knapp 60 derart kaputt gegangen, dass ihn Fräulein Hildegard (die neue Flamme) mit Bachblütentee behandeln musste. Normalerweise kuriert man finale Sattelschwächen mit ein oder zwei handlichen Dosen Weizenbier, mit EPO oder mit Cola, aber das ist ein anderes Thema. Und Bachblütentee passt irgendwie auch besser zum Sommer dieses Jahres als Weizenbier.

Brägel war seine Formkrise aber völlig wurscht, zumal er nach dem Tee einen ergänzenden Einlauf mit Kamille und Jasminhonig gerade noch abwenden konnte. "Weißt du", sagt er, "ich fahre jetzt eh lieber virtuell." Der Läpp hat sich irgendein Spiel auf die Festplatte geladen, mit dem man Etappen der Tour nachspielen kann. Jetzt sitzt er im Gelben Trikot vor der Glotze und kachelt mit den Cursortasten wie Pantani hinauf nach L'Alpe d'Huez. Unterstützt wird die Hatz durch zwei Tüten Chips und einen Liter Cola, das schon klebrige Spuren auf dem Trikot hinterlassen hat. So viel zu den harmlosen Verfehlungen.

Dummerweise hat Brägel das Instrument der Suchmaschine entdeckt, weil er Yahoo zunächst für die Website von Anton aus Tirol gehalten hat. Brägel an der Suchmaschine -das ging, wie nicht anders zu erwarten, fürchterlich schief. Weil er sein ganz reales Velo gewichtsmäßig etwas reduzieren wollte, begab er sich auf die Suche nach leichteren Bauteilen für Vorbau und Sattelstütze. Dabei muss er begrifflich irgendeinen winzigen Fehler gemacht haben. Als Antwort erhielt er jedenfalls 13.829 Internet-Adressen, bei denen es nicht annähernd um Carbon, Alu oder ähnliches ging. Brägel war mittendrin im virtuellen Rorlichtviertel, saß drei Nächte mit wirren Blick vor seinem Bildschirm, sabberte noch viel mehr und war am Ende um ein paar Mark ärmer. In zwei Wochen soll noch eine lebensgroße Silikonpuppe geliefert werden, wobei sich der Radklub jetzt schon fragt, wie er das Fräulein Hildegard erklären will.

Seiner PC-Begeisterung tat das aber keinen Abbruch. Brägel hat jetzt einen neuen Radcomputer mit PC-Schnittstelle und druckt damit nach jedem Training Kurven aus, die verdammt flach sind. Was an 32 Kilometern mit einem Schnitt von 25,6 statistisch interessant sein soll, bleibe sowieso sein Geheimnis. Seine durchschnittliche Wattzahl reicht jedenfalls nicht mal für eine halbwegs ordentliche Glühbirne. Außerdem nervt er die Gruppe gewaltig, weil er jeden Mist, den er über Radsport finden kann, ausdruckt und mit dem ihm eigenen Sendungsbewusstsein am Stammasch verteilt. Neulich hat er auf einer pharmakologischen Seite einen Testbericht über einen flüssigen, künstlichen Sauerstoffträger entdeckt, in dem man eine Maus eine Stunde lang versenkt hat. Das Tierchen hat hinterher immer noch gelebt. Weiß der Teufel, wie der Mann an so was kommt, aber er behauptet steif und fest, das Mittel sei die Dopingdroge der Zukunft. In diesem speziellen Fall könnte Brägel sogar ausnahmsweise Recht haben. Er will jedenfalls versuchen, sich ein paar Ampullen zu besorgen, um seine verlorene Januarform wieder zurückzuholen.

Zuvor denkt Brägel aber über eine eigene Website nach, Lance Armstrong habe schließlich auch eine, sagt er. Brägel woridwide. Unter der Rubrik "Mein sportliches Jahr" will er Berichte über all seine RTFs einstellen. Er hat schon mal geübt und seinen heldenhaften Kampf bei der RTF "Rund um das Salzlangensretter Ries" aufgeschrieben. Überschrift: "Ich wollte gewinnen, aber an diesem Tag waren die Elemente gegen mich." Wenn ich mich reche erinnere, hatte ¦ er an diesem Sonntag einen Kater. Dazu gibt es ein Foto, das ihn an der ersten Verpflegungsstelle nach 30 Kilometern mit Banane und Isostar zeigt. Das zweite Foto stammt von Kilometer 45 und darauf ist Brägel mit Banane und Isostar aus eigenen Beständen abgebildet. Das Lächeln hat etwas nachgelassen. Im Ziel bei Kilometer 72 hat er sich nochmal ablichten lassen. Diesmal mit einem Salamibaguette und einer Pulle Jägermeister. "Das drückt aus, dass wir Athleten auch Menschen sind", sagt er. Der Radklub nickt ergriffen, wir empfehlen ihm aber, die Seite vielleicht von einem Profi überarbeiten zu lassen. Brägel im Internet wäre ja ganz nett, sozusagen als Diskussionsforum von Mensch zu Radler, aber so? Als zweites Highlight hat er sich noch "Hildegards Ecke" ausgedacht. Unter diesem Link soll seine neue Flamme über sportgerechte Ernährung, die reinigende Kraft von Einläufen und über die Wohltat warmer Sitzbäder referieren. Brägel lässt sich also nicht beirren. Er habe schließlich etwas zu sagen, eine Geschichte, er sei ein Mann des Rads, ein Trittmaster allererster Güte. Und - das wichtigste - "man muss sein Wissen im Sinne einer globalen Entwicklung des Radsports weitergeben". Das kann ja heiter werden.

Jürgen Löhle