Artikel aus der Zeitschrift TOUR 9/2002


WISSEN IST MACHT...

...aber nichts wissen macht auch nichts. Brägel jedenfalls bringen seine Bildungslücken unverhofften Wohlstand

Brägel braucht Geld. Die Kosten für das Drittrad (2.200 Euro) und den Trip zur Tour de France (1.650 Euro) haben sein Konto schwer belastet. Und weil Jan-Miguel dringend einen Sonnenhut und | Sandalen braucht, ist der Lapp auf der Suche nach neuen Geldquellen. Drei Wochen hat er System-Lotto gespielt, aber das hat nichts gebracht. Danach gründet er "Brägels Radservice", den er aber schon nach seinem zweiten Kunden wieder schließt. Mit dem alten Schraubknochen seines Staiger-Jugendrades war i er werkzeugmäßig eben doch leicht unterversorgt. Also bewirbt sich Brägel bei diversen Quizshows, was angesichts seiner Allgemeinbildung ein ziemliches Wagnis ist. Aber da sowieso nur einer von hundert Millionen Anrufern eingeladen wird, scheint das ohnehin unwahrscheinlich. Dachten wir. Aber wie es der Teufel will, wird Brägel eingeladen - ausgerechnet zu Günther Jauchs Show "Wer wird Millionär?" "Na, du sicher nicht", sage ich zu ihm, aber Brägel lernt fleißig den alten Brockhaus seiner Mutter aus dem Jahr 1956 auswendig. "Wusstet ihr, dass es einen Teil von Deutschland gibt, der DDR heißt?", fragt er im Radclub. Das kann ja heiter werden. An einem Freitagabend hat sich dann der Radclub bei mir vor i der Glotze versammelt. Brägel war tatsächlich im Fernsehen, und wir haben uns auch gleich i ein bisschen geschämt, weil er im Clubtrikot, schwarzer Radhose, weißen Tennissocken und Sandalen in der Runde saß. Bei der Vorstellung winkt er däm-lich grinsend und mit einer Trinkflasche des Team Telekom in die Kamera. Wir öffnen das erste Hefeweizen. "Hoffentlich kommt der nie auf den Stuhl", sage ich. Alle nicken. Doch wenig später sitzt Brägel vor Jauch. Dummenglück. Die zehn Kandidaten mussten die vier Namen Greg LeMond, Laurent Fignon, Pedro Delgado und Niki Lauda nach der Zahl ihrer Toursiege sortieren. "Niki Lauda hat nur einmal gewonnen, den Rest habe ich geraten", sülzt Brägel. Viola, die neben mir sitzt, stöhnt auf. Jan-Miguel spuckt den Schnuller aus, deutet auf den Bildschirm und sagt: "Baba". "Leider", seufzt Viola und öffnet auch ein Weizen.

"Wen haben Sie mitgebracht?", fragt Jauch. Kameraschwenk in die Galerie, wo normalerweise eine Gattin, ein Onkel oder eine Oma sitzt: Brägel hat sein altes Cinelli-Rad dabei, das die RTL-Crew mühsam auf dem Stuhl drapieren musste. "Mein bester Freund", ölt Brägel, "den kannste treten, und er tritt nie zurück." Jauch verzieht den Mund zu einer komischen Welle, Viola will einen Schnaps. "Sei froh, dass er dich nicht mitgenommen hat", sage ich. Viola nickt. "50 Euro, wenn Sie folgende Frage beantworten", tönt Jauch und wirkt etwas kurz angebunden. "Vervollständigen Sie das Sprichwort: Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er a) stirbt, b) kotzt, c) bricht oder d) singt." Brägel legt die Stirn in Falten und kratzt sich wenig nonchalant in der Mitte der Radhose. Nach einiger Stammelei, dass er ein wenig zu "kotzt" tendiere, es aber nicht exakt wisse, zieht er den Publikumsjoker. Brägel sammelt 50 Euro mit einem Zuschauervotum von 98,5 Prozent. "Wenigstens 1,5 Prozent der Menschheit sind so dämlich wie er", sagt Viola. Niemand widerspricht. Danach kommt er halbwegs anständig bis 2.000 Euro. Nur einmal muss er Onkel Hubert anrufen, weil er nicht weiß, wie der höchste Berg der Erde heißt. Peinlicher ist, dass er vor dem Werbeblock eine Papptafel in die Kamera hält mit der Aufschrift: "Ich grüße den Radclub." Unser Präsident erwägt rechtliche Schritte.

Mittlerweile hat Brägel seine Telekom-Flasche auf das Pult drapiert, worauf nun auch die Telekom-Rechtsabteilung über juristische Schritte nachdenkt. Jauch lächelt gemein und verliest die 4.000-Euro-Frage. Es geht um Malerei. Brägel hat keinen Joker mehr, tippt blind auf einen Namen und hat Glück. "Wenn er schlau ist, hört er jetzt auf", sage ich. Viola nickt. 4.000 Euro, da müsste für Jan-Miguel mehr drin sein als ein Sonnenhut und Sandalen. "Was machen Sie mit dem Geld?", fragt Jauch. "Ich kaufe mir ein neues Rennrad und fliege im Frühjahr zum Training nach Sizilien." Viola seufzt schwach, und die TOUR-Redaktion erwägt, das Sizilien-Camp 2003 zu streichen.

Brägel hört aber nicht auf und erweist sich überraschend als Spezialist für gotische Kirchen und moderne Musik. Und dann passiert es. Es kommt die 250.000-Euro-Frage: Welcher Radprofi hat als einziger fünfmal die Tour de France in Folge gewonnen? Anquetil, Hinault, Indurain oder Merckx? Brägel lächelt gönnerhaft und sabbert los: Alle vier hätten fünfmal gewonnen, aber Indurain, übrigens Namenspatron seines Sohnes, wäre von 1991 bis 1995 im Gelben Trikot nach Paris gerollt. Danach hätten dann Riis, Ullrich, Pantani und viermal Armstrong gewonnen. Ende des Vortrags. "Mein Manne", jubelt Viola. Ich brauch' mein zweites Weizen. Dringend. Unser Brägel wirkt cool wie ein Eisberg, Jauch ratlos. "Na gut", sagt er, dann schauen wir mal, ob Sie das jetzt auch noch wissen: 500.000 Euro, wenn Sie mir sagen können, welcher Roman mit den folgenden Worten beginnt: 'Nennt mich Ismael' a)..." Brägel jubelt schon dazwischen: "Moby Dick, Moby Dick! Ich habe das neunmal als Kind gelesen; geiles Buch mit Walen und so." Jauch gibt leicht irritiert zu bedenken, ob er sich nicht mal die Antworten anschauen will? Brägel sagt gönnerhaft ja, aber es sei Moby Dick, ganz sicher. Ich weiß das auch, schließlich habe ich ihm das Buch vor 30 Jahren geliehen. Gibt's noch ein drittes Weizen? Moby Dick ist Antwort b, Brägel loggt ein und wird Millionär, zumindest in Mark. Auf das Finale verzichtet er, mit Päpsten kenne er sich nicht aus. Fanfare und Jubel im Fernsehen, Brägel winkt mit der Pulle in die Kamera und hüpft vergnügt durchs Studio. Vor dem Fernseher erhebt sich unser Präsident, erklärt "den lieben Sportskamerad" zum Ehrenmitglied. Viola schickt verliebt Kusshändchen Richtung Mattscheibe. "Brägel-chen", gurrt sie, "komm bald nach Hause." Ich besorge mir einen Schnaps und bin neidisch. Jan-Miguel hat neue Sandalen bekommen, einen Sonnenhut und einen neuen Kindersitz. Der alte wollte farblich nicht in den schwarzen Porsche passen. Und Brägel darf auf unseren Ausfahrten jetzt immer Windschatten fahren, weil er dem Verein eine neue Terrasse fürs Clubheim gesponsort hat. Die Welt ist nicht gerecht.

Jürgen Löhle